Archiv (Audio on demand)

Der Prozess gegen Kurt Lischka in Köln 1979

Vortrag von Beate Klarsfeld

„... Kurt Lischka ist der interessanteste Fall, denn er wurde später Prokurist einer Import-Export-Gesellschaft für Getreide. Vieh schickt man zum Schlachthof, aber man geht nicht selbst dorthin. Und im Krieg gab es genau solche Schlachthöfe: Auschwitz, Sobibor, Treblinka. Doch die Naziverbrecher sind alle nie in Auschwitz, Sobibor oder Treblinka gewesen, sie waren ja noch nicht einmal in Drancy bei den Juden. Sie verrichteten eine geradezu abstrakte Arbeit: Quoten einhalten, sprich genügend Juden in die Lager schicken, um Berlin zufrieden zu stellen. Was in Auschwitz geschah, war ihnen völlig gleich ..."

So urteilte Serge Klarsfeld in einem Interview über Kurt Lischka, der von Beate Klarsfeld 1971 in Köln aufgespürt wurde, nachdem er über 20 Jahre von der deutschen Justiz unbehelligt als Manager einer Getreidegroßhandlung in Köln hatte leben können. Lischka, der im besetzten Frankreich für die Deportation von 75.000 Juden über das Lager Drancy in die Vernichtungslager im Osten verantwortlich war, war es gelungen nach dem Kriege unter zu tauchen und sich später in der BRD eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Beate und Serge Klarsfeld spürten seinen Aufenthaltsort auf und planten Lischka nach Frankreich, wo er schon 1950 in Abwesenheit zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt worden war, zu entführen. Die Entführung misslang zwar, aber durch die danach entstandene Öffentlichkeit war das Ziel der Klarsfelds, auf den Skandal der hunderte unbehelligt in Deutschland lebenden Nazi-Verbrecher aufmerksam zu machen, erreicht worden. Zwar erst 8 Jahre später, aber dennoch, kam es 1979 in Köln zum Prozess gegen Kurt Lischka und andere. In ihrem Vortrag wird Beate Klarsfeld die Geschichte des Zustandekommens dieses Prozesses nachzeichnen. Ohne ihren Kampf zu Beginn der 70er Jahre wäre der SS-Obersturmbannführer und Gestapo-Chef von Paris höchstwahrscheinlich keiner Strafe zugeführt worden. Am 28. Mai 2010 wird auf Vorschlag von Beate Klarsfeld im Kölner Justizgebäude am Appelhofplatz, am Eingang zum Sitzungssaal, in dem der Prozess stattfand, eine Gedenktafel angebracht, die daran erinnern wird.

ReferentIn:

Beate Klarsfeld

1939 in Berlin geboren, ist Publizistin und wurde vor allem durch ihre Ohrfeige für Kurt-Georg Kiesinger bekannt. Im Alter von 21 Jahren ging sie als Au-pair-Mädchen nach Paris und lernte dort den Franzosen Serge Klarsfeld kennen, dessen Vater in Auschwitz ermordet worden war. Am 7. November 1963 heirateten die beiden. Zusammen mit ihrem Mann kämpfte sie unermüdlich für die Bestrafung von NS-Verbrechern. Es ist vor allem ihnen zu verdanken, dass gegen einige Hauptverantwortliche des NS-Polizeiapparates in Frankreich Strafprozesse geführt wurden, so gegen Kurt Lischka, Alois Brunner und Klaus Barbie.

03. Dezember 2009
18:00 Uhr

Haus der Stiftung Demokratie Saarland,
Bismarckstr. 99,
66121 Saarbrücken

Vortrag

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