Archiv (Audio on demand)

Das Prekariat und die Angst vor sozialer Deklassierung

Nach einer im März veröffentlichten Studie des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW) hat die Globalisierung nachhaltige Folgen hinterlassen. Lag vor acht Jahren der Anteil der Bevölkerung, der mittelmäßig gut verdient hat, noch bei 62 Prozent, beträgt er heute nur noch 54 Prozent. Waren damals noch 64 Prozent der Beschäftigten vollzeitbeschäftigt, sank ihr Anteil bis 2006 auf 55 Prozent. Minijobber, Teilzeitkräfte, Zeitverträge – ehemalige Angehörige der Mittelschicht arbeiten öfter als früher in prekären Verhältnissen, Aufstiege sind fast nicht mehr möglich.
Daraus entstanden ist ein neuartiger Pluralismus der Armutslagen, eigentlich privilegierte Gruppen gehören inzwischen dazu. Ein Solidarisierungseffekt ensteht daraus nicht, ganz im Gegenteil, hat Eike Hennig herausgefunden: Der Wohlfahrtsstaat erscheint denen, die um Chancen und deren Verwirklichung bangen, als Leistungshemmnis und Quelle möglicher Verarmung. Leistungsorientierung und Individualismus sind für die akut und dauerhaft Armen hingegen eine Provokation eines unerreichbaren Ziels. Alte Konflikte zwischen Freiheit und Gleichheit brechen wieder auf, die neue Pluralisierung entzieht sich dem Sozialstaat, die Politik scheint grundsätzlich überfordert zu sein.
Hennig fordert deshalb eine Neuorientierung der Sozialpolitik, welche die Pluralisierung von Gerechtigkeit ohne Ausschluss und Unterprivilegierung ermöglicht und bei der Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie sowie Psychoanalyse zusammenarbeiten. Ansonsten drohe die Demokratieverweigerung weiter zuzunehmen.

ReferentIn:

Prof. Dr. Eike Hennig

Prof. Dr. Eike Hennig

Prof. Dr. Eike Hennig

geb. 1943 in Kassel. Studierte Politikwissenschaft und Soziologie in Marburg und Frankfurt. 1975 wurde er Professor für Massenkommunikationsforschung/Soziologie am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Frankfurt am Main, war im gleichen Jahr Research Fellow am St. Antony’s College, Oxford, und Gastprofessor an der Universität Aalborg in Dänemark. 1981 erfolgte seine Ernennung zum Professor für Theorie und Methodologie der Politikwissenschaft an der Universität Kassel.

Bei seinen aktuellen Forschungen beschäftigt er sich mit Politischer Kulturforschung (insbes. Analyse politischer Unzufriedenheit), Stadtsoziologie/-politik, Empirische Sozialforschung, Segregation und Social Area Analysis.

03. November 2008
18:00 Uhr

Haus der Stiftung Demokratie Saarland

Vortrag

Carmen Oschmann
Telefon: 0681 - 906 26 - 21

 Anhören