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Demografischer Wandel und Generationengerechtigkeit

Nicht erst seit Philipp Mißfelder, Vorsitzender der Jungen Union, mit seiner Forderung, man solle 85-Jährigen keine künstlichen Hüftgelenke mehr finanzieren, das Sommerloch 2003 füllte, hat das Thema „Generationengerechtigkeit“ enorme Konjunktur. Begründet wird die Forderung nach mehr Solidarität zwischen den Generationen damit, dass die heutigen Alten gut situiert, die heutigen Jungen hingegen zu stark belastet und ohne Aussicht auf eine ähnlich komfortable Absicherung im Wohlfahrtsstaat der Zukunft seien. Die demografische Entwicklung erscheint als Horrorszenario, das gleichfalls zu massiven Leistungskürzungen zwingt. Prof. Butterwegge vertritt die These, dass die Demografie im öffentlichen Diskurs als Drohkulisse und Mittel der sozialpolitischen Demagogie fungiert, „Generationengerechtigkeit“ zu einem politischen Kampfbegriff geworden ist und beide die Ideologie des Neoliberalismus transportieren. Was ein sich aus ganz anderen Gründen verschärfender Verteilungskampf zwischen gesellschaftlichen Schichten ist, deutet man zu einem „Generationenkrieg“ um. Man reduziert soziale auf demografische Probleme oder auf biologische Prozesse, was sie einer Lösung im Interesse der großen Bevölkerungsmehrheit entzieht. Abgesehen davon, dass die langfristigen Prognosen der Bevölkerungswissenschaft selten zutrafen, weil z. B. die Zuwanderungsraten stark stiegen, missbraucht man die angeblich drohende „Vergreisung“ zur Durchsetzung von Renten- und Sozialkürzungen, statt darüber zu diskutieren, wie aus einer Verschiebung der Altersstruktur erwachsende Schwierigkeiten solidarisch bewältigt werden können und welcher Teil des Bruttoinlandsprodukts für Soziales ausgegeben wird und welche Gesellschaftsschichten wie viel ihres Einkommens dafür abzweigen müssen.

ReferentIn:

Prof. Dr. Chistoph Butterwegge

Prof. Dr. Chistoph Butterwegge

Prof. Dr. Chistoph Butterwegge

geboren 1951, M.A., Dipl.­Sozialwissenschaftler, leitet die Abteilung für Politikwissenschaft und ist Geschäftsführender Direktor des Seminars für Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln. Seine letzten Buchveröffentlichungen zum Thema: Christoph Butterwegge/Michael Klundt (Hrsg.), „Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien Sozialpolitik im demografischen Wandel“, 2. Aufl. Opladen (Verlag Leske & Budrich) 2003; Christoph Butterwegge u.a., „Armut und Kindheit. Ein regionaler, nationaler und internationaler Vergleich“ 2. Aufl. Wiesbaden (VSVerlag für Sozialwissenschaften) 2004; Christoph Butterwegge, „Krise und Zukunft des Sozialstaates“ Wiesbaden (VSVerlag) 2005; Christoph Butterwegge/Michael Klundt/Matthias Zeng, „Kinderarmut in Ost und Westdeutschland Wiesbaden (VSVerlag) 2005.

30. Mai 2007
18:00 Uhr

Casino-Restaurant am Staden,
Bismarckstr. 47,
66121 Saarbrücken

Vortrag

Carmen Oschmann
Telefon: 0681 - 906 26 - 21