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Die neue Form von Kriegen

Eine der entscheidenden Herausforderungen an die politische Ordnung des 21. Jahrhunderts stellen die „Neuen Kriege“ an der Peripherie der Wohlstandszonen dar. Diese Kriege werden vor allem von irregulären Kämpfern mit Kleinwaffen ausgetragen und über Kanäle der Schattenglobalisierung finanziert. Die Wirtschaftskraft eines Landes ist nicht mehr kriegsentscheidend, zudem verliert das Kriegsvölkerrecht an Bedeutung. Diese Kriege dauern Jahrzehnte und fordern eine dramatisch gestiegene Opferzahl unter der Zivilbevölkerung, inclusive ethnischer Vertreibungen, Massenvergewaltigungen und Genozid.

Wie lassen sich solche Kriege beenden? Offenbar sind die Kriegsparteien zu einem bindenden und dauerhaften Friedensschluss nur in den seltensten Fällen fähig. Es bedarf der Intervention von außen, bei der vor allem Staatengemeinschaften und internationale Organisationen eine Rolle spielen. Deren militärische Anwesenheit allein ist jedoch nicht ausreichend, da die Konflikte im Untergrund weiter schwelen. Afghanistan ist dafür ein Beispiel, ebenso das Kosovo. Der Schlüsselbegriff für den Friedensprozeß heißt „zivil-militärische Zusammenarbeit“. Aber wie ist sie zu gestalten? Sicher ist, dass die Präsenz der internationalen Truppen sehr viel länger dauern wird als ursprünglich vorgesehen. Vor allem ist eine sehr viel größere Aufmerksamkeit auf die Entwicklung einer belastbaren Friedensökonomie zu richten. Gleichzeitig behalten die Scharfmacher der Konfliktparteien einen erheblichen Einfluss auf das Geschehen, da sie durch Angriffe auf die Friedenstruppen bzw. durch Terroranschläge den gesamten Prozess nicht bloß stören, sondern zum Kollaps bringen können. Diese Scharfmacher erhalten Zulauf durch die große Gruppe derer, die sich daran gewöhnt haben, vom Krieg zu leben, und die zu demobilisieren stellt nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein psychologisches Problem dar. Bei erfolgreichen Friedensprozessen handelt es sich also um komplexe und hochgradig gefährdete Prozesse, in denen sich Robustheit mit politischem Fingerspitzengefühl verbinden muss.

ReferentIn:

Prof. Dr. Herfried Münkler

Prof. Dr. Herfried Münkler

geboren am 15. August 1951 in Friedberg/H.; Studium der Politikwissenschaft, Germanistik und Philosophie in Frankfurt/M.; 1981 Promotion zum Dr. phil, 1987 Habilitation. Seit Frühjahr 1992 Professur für den Lehrbereich Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit Dezember 1992 Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Diverse Publikationen zur Begründung von Kriegen.

04. September 2006
18:00 Uhr

Haus der Stiftung Demokratie Saarland

Vortrag

Villa Lessing

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