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Europa erfindet die Zigeuner

Wie passen Faszination und Verachtung zusammen?

Die schwärmerische Zigeunerromantik ist schnell vergessen, wenn Roma leibhaftig in Dörfern und Städten auftauchen. Dann gelten die ‚freien Zigeuner‘ als gemeine Diebe und Lügner, Gefährten des Satans, unzähmbare Wilde und als Bande von asozialen Schmarotzern. Wie die Europäer zum verachteten Volk am unteren Ende der Gesellschaftsskala stets die größtmögliche Distanz suchten und wie das Spannungsverhältnis zwischen Jahrhunderte altem Hass und romantischer Faszination entstehen und sich bis heute halten konnte, zeigt Klaus-Michael Bogdal in seinem Vortrag. Keine der unterschiedlichen Gesellschaften, in denen sie lebten, ließ und lässt eine endgültige Ankunft in Europa zu. Ohne einen schützenden Ort sind die Roma seit ihrer Einwanderung vor 600 Jahren ständigen Verfolgungen und Ausgrenzungen ausgesetzt: bis hin zum Holocaust.

Der Vortrag findet im Rahmen der Ausstellung "Bedrängte Existenz" statt.

Referent:

Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal

geb. 1948, studierte Germanistik, Slawistik und Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. 1991 wurde er an der Universität Essen habilitiert. Von 1992 bis 1996 war er an der PH Freiburg, von 1996 bis 2001 an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg Professor für Deutsche Literatur. Seit 2001 ist er Professor für Germanistische Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld. 2013 erhielt er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung für sein Buch „Europa erfindet die Zigeuner“. Klaus-Michael Bogdal beschäftigt sich seit mehr als zwanzig Jahren mit dem Bild der Roma in der Literatur. Er gab zuletzt unter anderem den Band „Transformationen des literarischen Feldes“ heraus. Zur Zeit schreibt er an einem Buch über das ‚böse Gedächtnis‘ der Gesellschaft.

09. Dezember 2015
18:00 Uhr

Politische Akademie
Europaallee 18
66113 Saarbrücken

Vortrag

Dr. Verena Paul
Telefon: 0681 - 906 26 - 24

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