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Zur politischen Dimension der ‚Unterschicht’-Debatte

Gilt für die sozialwissenschaftliche Forschung die soziale Polarisierung schon seit längerem als Hinterfragung der Legitimationsgrundlagen der sozialstaatlichen Demokratie, so scheinen Teilgruppierungen in der Parteiendemokratie vom Ausmaß und den Auswirkungen der sozialen Realität überrascht worden zu sein. Aus prominentem Munde kam sogar ein spontanes Leugnen einer Unterschicht, um im zweiten Schritt die davon in ihrer Lebenslagenrealität betroffenen Menschen – angeblich – vor Diffamierung und Stigmatisierung zu schützen.

 

Eine solch verwunderliche politische Entdeckung der sozialen Realität verweist auf große Problemkreise und Diskussionskontexte.

 

Es ist für die Ziele des Sozialstaates und der Demokratie eine zentrale politische Herausforderung, wenn in nicht wenigen Regionen der Bundesrepublik bis zu einem Viertel der Menschen in prekären Lebenslagen existieren. Vor diesem Hintergrund wird die soziale Realität der bundesdeutschen Gesellschaft als zutiefst ungerecht empfunden und die sozialen Teilhabechancen von den Betroffenen selbst als weitgehend perspektivlos gesehen. Eine große Zahl von Menschen sieht sich nicht nur sozial, sondern auch hinsichtlich ihrer politischen Interessenvertretung als chancenlos - sie hoffen einerseits weiterhin auf die Problemlösungsfähigkeit des Sozialstaates, trauen aber andererseits den etablierten politischen Akteuren kaum noch Kompetenzen zu. Die zentralen Akteure unseres politischen Systems reagieren nun in der politischen Wahrnehmung der „Unterschicht“ hochgradig lebenslagenfern, wenn etwa die Flexibilitätsforderung gegenüber Arbeitslosen und Armen mit definitiv fehlenden Beschäftigungschancen in den betroffenen Regionen zusammen fällt. Vielmehr verschieben die politischen Akteure die Verantwortlichkeit und Problemlösungszuständigkeit weitgehend in die Motivation und die eingeforderte Marktgängigkeit des Einzelnen, ohne die sozialstrukturellen Voraussetzungen von Beschäftigung hinreichend zu reflektieren.

 

Diese in der Selbstwahrnehmung verfestigte materielle wie partizipatorische Abkoppelung von Interessenlagen hinterfragt die Grundannahmen bis integrativen Verheißungen der pluralistischen Demokratie.

ReferentIn:

Dr. habil. Klaus-Bernhard Roy

Dr. habil. Klaus-Bernhard Roy

Dr. habil. Klaus-Bernhard Roy

geb. 1958, ist nach Studium und Promotion in Braunschweig seit Dezember 2000 Privatdozent an der Universität Magdeburg und arbeitet im dortigen Institut für Politikwissenschaft zu den Schwerpunkten Demokratie und Sozialstaat im Wandel, Europäisierung und Regionalisierung von Politik. Veröffentlichungen u.a.: Roy, K.-B.: Sozialintegrative Demokratie. (P. Lang Verlag), Frankfurt/M., Berlin 2001; Roy, K.-B.: Sozialstaat im Wandel – SPD in der Krise? In: Frech; S./Schmid, J. (Hg.); Sozialstaat: Reform, Umbau, Abbau? Schwalbach/Ts. 2004, S. 78-98

17. September 2007
18:00 Uhr

Haus der Stiftung Demokratie Saarland

Vortrag

Carmen Oschmann
Telefon: 0681 - 906 26 - 21

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