Die bezifferte Welt: Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht

Im Herbst 2014 wurde bekannt, der englische National Health Service wolle in Zukunft jedem Arzt 55 Pfund bezahlen, der bei einem Patienten Demenz diagnostiziert. Die Empörung war groß: Steigt so nicht das Risiko von Fehldiagnosen? Wissen Ärzte nicht auch ohne solche Anreize, was zu tun ist? Das Beispiel zeigt, dass die Logik des Neoliberalismus trotz der großen Krise weiterhin auf dem Vormarsch ist. Der damit verbundene Wandel betrifft alle Lebensbereiche: Schulen, Krankenhäuser und Polizei werden im Rahmen des großen Zahlenspiels umstrukturiert und dem Diktat der Kennziffern unterworfen. Dergestalt sollen aus Studenten und Fahrgästen Kunden werden, die agieren wie Rechenmaschinen. Und auf dem Weg in die sogenannte „Informationsgesellschaft“ bleibt eine zentrale Ressource auf der Strecke: das Wissen selbst.

In seinem Vortrag wird Colin Crouch nachzeichnen, wie der Neoliberalismus alternative Formen des Wissens und der Expertise korrumpiert. Anders als seine Apologeten behaupten, ist der Markt keine perfekte Wissensmaschine, die aus anonymen Entscheidungen Transparenz herbeizaubert. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Lässt man die Logik der Finanzmärkte ungehindert operieren, kann sie das Immunsystem unserer Gesellschaften zerstören.

Im Rahmen der Veranstaltung gibt es einen Büchertisch der Buchhandlung St. Johann

Referent:

Prof. em. Dr. Colin Crouch

geb. 1944, studierte nach mehrjähriger journalistischer Tätigkeit Soziologie an der London School of Economics. Es folgte die Promotion am Nuffield College in Oxford. Crouch war u.a. Fellow des Trinity College in Oxford, Professor für Soziologie an der University of Oxford und Professor für Comparative Social Institutions am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und zuletzt Professor für Governance and Public Management an der University of Warwick. Seit 1997 ist er auswärtiges wissenschaftliches Mitglied des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln. Zu seinen Publikationen gehören u.a. das bahnbrechende Werk „Die Postdemokratie“ (2008) sowie „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“ (2011), für welches er 2012 den Literaturpreis Das Politische Buch der Friedrich-Ebert-Stiftung erhielt. Außerdem erschien jüngst „Ist der Neoliberalismus noch zu retten?“ (2018) sowie das dem Vortrag zugrundeliegende Werk „Die Bezifferte Welt: Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht“ (2015). In DIE ZEIT hieß es über Colin Crouch anerkennend, er sei „einer der scharfsinnigsten Kritiker des Neoliberalismus.“

29. April 2019
18:00 Uhr

Politische Akademie der SDS
Europaallee 18
66113 Saarbrücken

Vortrag

Elena Steinmetz
Telefon: 0681 - 906 26 - 11